Kommentar der Wageningen Universität, 29. April 2008
„Keine Vitamine mehr im Gemüse“, so titelte letzte Woche eine große niederländische Tageszeitung. Es folgte ein Artikel, aus dem hervorgehen sollte, dass sich die Gemüsequalität aufgrund der vorgeschriebenen Düngeinjektion im Boden zusehends verschlechtert und dadurch die Volksgesundheit ernsthaft gefährdet wird. Eine haarsträubende Geschichte und blanker Unsinn, finden die Professoren Oenema, Struik, Van Kooten und Van Boekel der Wageningen Universität. Obst und Gemüse von niederländischem Boden ist und bleibt gesund.
„Bei dem Artikel in der Tageszeitung ging es darum, dass die Düngeinjektion im Boden – im Gegensatz zur oberirdischen Verteilung von Düngern – angeblich das Bodenleben abtötet, wobei in der Zeitung der Einfachheit halber Gemüse aus dem Gewächshaus und Freilandgemüse in einen Topf geworfen wurde. Die Pflanzen könnten dadurch keine ausgewogene Menge an Mineralstoffen mehr aufnehmen. Das wiederum würde nicht nur bedeuten, dass sie zu wenig Mineralstoffe enthalten, sondern auch zu wenig Vitamine bilden. Der Verbraucher würde dadurch unterernährt, fettleibig und sei sogar einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt. Über soviel Unsinn könnten wir als Wissenschaftler die Achseln zucken, wenn es nicht so bedenklich und gefährlich wäre, dass eine Zeitung ihren Lesern unnötig Angst einjagt.
Wie ist es um die Prozesse im Boden, das Pflanzenwachstum und die Qualität des Gemüses nun wirklich bestellt?
Bodenqualität
Der niederländische Ackerboden ist außerordentlich fruchtbar, wird aber dennoch stark gedüngt, um mit großer Sicherheit hohe Erträge zu realisieren. Pflanzen benötigen 14 mineralische Nährstoffe, um optimal zu wachsen. Bei Mensch und Tier sind es 18. Die vier zusätzlichen Nährstoffe sind auch in Pflanzen enthalten. Die Pflanze nimmt fast alle Nährstoffe über ihre Wurzeln aus dem Boden auf. Mit Kunstdünger werden in erster Linie Stickstoff, Phosphor und Kalium verabreicht, da gerade diese Nährstoffelelemente den Pflanzenertrag begrenzen. Doch auch Schwefel, Magnesium, Natrium, Kupfer, Zink, Bor und Molybdän werden örtlich mit Hilfe von Kunstdünger zugeführt.
Tierischer Dünger enthält sämtliche Nährstoffe und gilt deshalb auch als der „ideale Dünger“. Allerdings entspricht das Verhältnis zwischen den Nährstoffen im Dung nicht dem Verhältnis, das gebraucht wird, um die Pflanzen angemessen mit Nährstoffen zu versorgen. Die „Pufferkapazität“ des Bodens und eine selektive Aufnahme von Nährstoffen sorgen dafür, dass sich dieses Ungleichgewicht in Grenzen hält.
Die Niederlande verfügen über große Mengen an tierischem Dünger, da wir viele landwirtschaftliche Nutztiere halten, die zum größten Teil mit importiertem Futter gefüttert werden. Die mineralischen Nährstoffe in diesem Futter werden nur zu fünf bis 30 Prozent von den Nutztieren aufgenommen. Die restlichen 70 bis 95 Prozent landen im Dung und damit auf dem niederländischen Ackerboden. Unser Ackerboden wird also teilweise mit Nährstoffen gedüngt, die dem Boden andernorts entzogen wurden.
Ein zu hoher Nährstoffgehalt in Boden, Wasser und Luft schadet Pflanze, Mensch und Tier. Die Düngestrategie ist so ausgelegt, dass die Nährstoffverluste (vor allem von Stickstoff und Phosphor) in Richtung Umwelt begrenzt und eine unerwünschte Anhäufung von Nährstoffen im Ackerboden vermieden wird. Dank dieses Vorgehens hat sich die Zufuhr von Nährstoffen über Kunstdünger und tierischen Dünger erheblich verringert, aber im Durchschnitt ist die Zufuhr höher als die Abfuhr mit den geernteten Pflanzen.
Nichts deutet darauf hin, dass sich die Bodenfruchtbarkeit zusehends verschlechtert oder dass das Bodenleben durch diese Anhäufung abgetötet wird.
Düngeinjektion und Lebensmittelqualität
Die Düngeinjektion wurde vor 15 Jahren eingeführt, um die Emission von Ammoniak in die Luft zu begrenzen. Diese Maßnahme hat zu einer Halbierung der Ammoniakemissionen, zu einer besseren Luftqualität und einem Abbau der Umweltschäden beigetragen. Die Düngeinjektion hat auch ungewollte Nebenwirkungen, zum Beispiel auf Nester von Wiesenvögeln und das „Bodenleben“. Im Rahmen einer ausführlichen Studie wurden vor kurzem alle relevanten Auswirkungen der Düngeinjektion inventarisiert und beschrieben. Auswirkungen auf die mineralische Zusammensetzung der Pflanzen werden darin nicht genannt, weil es keine Hinweise darauf gibt. Die Art der Düngung hat einen unerheblichen Effekt auf die mineralische Zusammensetzung einer Pflanze, die auf fruchtbarem Ackerboden angebaut wird.
Es besteht kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Düngeinjektion und Lebensmittelqualität.
Ausgewogene Zusammensetzung von Mineralstoffen
Pflanzen wählen die Nährstoffe mit Hilfe ihres Wurzelsystems aus und sind ohne Weiteres in der Lage, eine ausgewogene Zusammensetzung an Mineralstoffen in ihren Produkten zu gewährleisten Das gilt auf jeden Fall, wenn im Boden kein absoluter Nährstoffmangel vorliegt. Dünger haben allerdings eine gewisse Wirkung auf die Qualität der Pflanzen. Ein hoher Stickstoffgehalt führt zu wasserreichen Gewächsen und das kann sich manchmal in Geschmack und Qualität des Ernteprodukts niederschlagen. Dünger haben außerdem Einfluss auf die Entwicklung von Gewächsen und damit auf ihre Zusammensetzung. Schließlich können sich bestimmte Dünger direkt auf die Qualität auswirken. Mehr Stickstoff führt beispielsweise häufig zu einem höheren Eiweiß- und Nitratgehalt in Blattgemüse. Solche Auswirkungen bewegen sich immer in vernünftigen Grenzen, die vom Wetter, von der Sorte und der Anbaumethode bestimmt werden.
Es besteht nur ein schwacher Zusammenhang zwischen dem Angebot an Mineralstoffen und der Qualität und es ist eine unsinnige Behauptung, dass auf fruchtbaren Böden Produkte erzeugt werden, die arm sind an Mineralstoffen oder Vitaminen.
Gesundheit
Der Vergleich von ein paar Analysezahlen, beispielsweise von Vitamin C in Gemüse, lässt keine zuverlässigen Schlussfolgerungen in Bezug auf die Volksgesundheit zu. Analysezahlen sind nie gleich. Analysemethoden können sich ändern, Sorten unterscheiden sich, die Wachstumsbedingungen sind variabel, auch die Lagerung der Produkte hat einen Einfluss und es gibt biologische Variation. Der Gehalt ist niemals identisch und das macht auch nichts, denn ein normales Lebensmittelpaket enthält alle Komponenten in ausreichendem Maße. Nur wenn sich die Menschen unausgewogen ernähren, treten Probleme auf. Das liegt jedoch nicht am Gemüse, sondern an den Menschen selbst.
Es besteht kein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Düngeinjektion und der Lebenserwartung der Menschen.
Gesund und schmackhaft
Verbraucher wollen Lebensmittel. Und die können heutzutage zum Glück innerhalb der oben genannten Grenzen produziert werden. In der Pflanzenveredelung verlegt man sich zunehmend auf geschmacks- und gesundheitsfördernde Substanzen. Darüber hinaus wissen Bauern und Gärtner immer mehr über die Auswirkungen ihrer Arbeitsmethode auf Geschmack und Gesundheit. Diese Entwicklungen werden alle vom Markt gesteuert. Heute liegen die verschiedensten Produkte mit besonderen Eigenschaften in den Regalen. Das Angebot reicht von Lycopen-Tomaten bis zu BroccoCress, von portionierten Kartoffeln bis hin zu allergiefreien Äpfeln.
Obst und Gemüse von niederländischem Boden ist und bleibt gesund.“
Prof. Oene Oenema (Management von Nährstoffen und Bodenfruchtbarkeit), Prof. Paul Struik (Pflanzenphysiologie), Prof. Olaf van Kooten (Gartenbau-Produktionsketten) und Prof. Tiny van Boekel (Produktentwürfe und Qualitätskunde) sind Professoren an der Wageningen Universität.